Zum kompositorischen Werk Naji Hakims

In einem Interview mit François Sabatier erklärt Hakim, daß er schon als junger Mensch einen Drang zum Komponieren verspürt habe. Im Pariser Konservatorium angekommen, war allerdings „die ganze Zeit schulmäßiger Arbeit und der Technik gewidmet. Statt zum Komponieren zu ermutigen hielt der Tonsatzunterricht eher dazu an, Kniefälle vor den großen Meistern dieser Welt zu machen, an denen man sich bei den schriftlichen Ausarbeitungen orientieren musste. ob sie nun Bach, Ravel oder Debussy hießen.“ In dieser Situation wurde Jean Langlais zu einem wichtigen Bezugspunkt, zum Lehrer, Mentor und quasi zur zweiten Vaterfigur.

„Er inspiriert mich bis heute, vor allem seine Kunst der Improvisation. Ich hatte viele Lehrer in den unterschiedlichsten Fächern – Komposition, Kontrapunkt, Improvisation, ich habe ja auch ein abgeschlossenes Ingenieursstudium – aber Langlais war der Meister. Ein echter Lehrer bringt einem nämlich nicht etwas Bestimmtes bei, sondern lehrt einen, zu sich selbst zu finden.“

Hakims kompositorischer Zugang ist geprägt von der Betonung auf die künstlerische Persönlichkeit des Komponisten und die Ablehnung jeglicher vorgefasster Systeme:

„Man muß sich bewusst machen, daß der künstlerische Akt die Sache des Individuums sein muß. Ach wenn es Einflüsse gibt, so geht es doch nicht darum, einer Strömung zu folgen, in der die Individualität hinter Vorschriften zurücktritt.“

Was seine musikalische Sprache angeht, so lässt sich darauf vielleicht das einmal auf den Jazzmusiker Dave Brubeck gemünzte Zitat des ‚most advanced, yet acceptable’ anwenden. Neben einer von Stravinsky und Bartok beeinflussten starken Betonung des Rhythmischen steht Hakim harmonisch fest auf dem Boden der Tonalität, an die er „…glaubt, wie ich an Gott glaube – natürlich im richtigen Verhältnis…“. Dabei wird der klare tonale Rahmen erweitert durch Skalen, Messiaens modes à transpositions limités und orientalische Tonleitern, die auf seine libanesische Herkunft verweisen.

Ein wichtiger Punkt in seinem kompositorischen Schaffen ist zudem Hakims Bezug zum Religiösen und die Frage der Religiosität von Musik überhaupt, die ihn in eine Linie stellt mit Charles Tournemire und Olivier Messiaen.

So stellt er die Frage, ob – wenn es Aufgabe der Kunst ist, die Seele vom Endlichen zum Unendlichen zu erheben – nicht jedes Kunstwerk als von seinem Wesen nach religiös zu begreifen sei. Und auch wenn er das Sektiererische in Tournemires berühmter Äusserung „jedes nicht dem Lob Gottes bestimmte Werk ist unnütz“ nicht teilt, so hält er doch „…das Wesen aller Schöpfung für das Lob Gottes geschaffen. Die Frage ist nur, ob sich die Menschen (wie z.B. Schubert, Beethoven, Bartok, Stravinsky, Stockhausen, Boulez) dieser Wahrheit bewusst sind.“

Zu Charles Tournemire gibt es weiterhin eine starke künstlerische Gemeinsamkeit über die Exzellenz der spontanen Erfindung in der Improvisation, die Hakim als seine „am meisten authentische musikalische Gabe“ beschreibt und die eine wichtige, auch für das Komponieren bedeutsame Inspirationsquelle darstellt.

Christoph Kuhlmann