Ergebnis

Analyse

Anders als beim Musizieren nach ausnotierten Vorlagen handelt es sich beim Stück „Kabinett“ von Dominik Susteck um eine Orgelimprovisation über ein abstraktes Thema. Es existierte bei der Aufführung kein festes musikalisches oder tonliches Ausgangsmaterial, das beim Musizieren bereits als syntaktische Zeichenfolge vorlag und damit den Ablauf beeinflusste.

Fourier Analyse, Grafik: Egor Poliakov

Fourier Analyse, Grafik: Egor Poliakov

Allerdings war der Verlauf des Improvisationskonzerts in Grundzügen thematisch festgelegt. So war im kurzfristigen Vorfeld die „Instrumentierung“, d.h. Registrierung der Orgel eingegrenzt. Dadurch waren den einzelnen Manualen verschiedene Klänge zugeordnet, die als Ausgangspunkt für spontane Modifikationen dienten. Durch die Aufnahme ist allerdings ein Tonerzeugnis als geordneter Informationsträger entstanden, das dadurch den Charakter einer kompositorischen Verfügbarkeit erhält. Allein die Möglichkeit, das Frequenzspektrum der Musik optisch in Abhängigkeit von der Zeit darzustellen, erfüllt die Voraussetzung zur Analyse und stellt das Tonmaterial in einen reproduzierbaren Kontext.

Form

Die Sinnabschnitte von „Kabinett“ sind durch Unterschiede im Klang deutlich voneinander getrennt. Diese Klangunterschiede werden hier durch Umregistrieren, Manualwechsel und Hinzufügen von dominanten Zungenstimmen im Pedal erzeugt. Daher ist dem Registrieren als Eigenheit der Orgel im Abschnitt 3.2 besondere Aufmerksamkeit zu widmen. Beim Hören und im Überblick über die Self-Similarity-Matrix fällt besonders auf, dass am Anfang und Ende des Stückes einmalige Klänge auftauchen. Weder vor noch nach dem jeweiligen Erscheinen tauchen diese Klänge in der Improvisation auf.

Die sparsame Verwendung eines Tons am Anfang (0:00-0:20) und eines Klangs am Schluss (8:07ff.) erzeugt eine sehr klare, vom Rest abgetrennte Einheit. Damit erzielt Susteck einen formalen Rahmen im Sinne einer Einleitung und eines Schlusses. Innerhalb dieses Rahmens wird eine Steigerungsform erzeugt, die nahezu symmetrisch um ein Kernstück (2:47-4:27) angelegt ist. Dieses zeigt das Wechselspiel zwischen hohen und tiefen Frequenzen im Kleinen, das auch den Grundcharakter der ganzen Improvisation widerspiegelt. Insgesamt findet eine fast durchgängige Verwendung von einigen perkussiven Registern statt. Diese werden den hellen und dunklen Stimmungen entsprechend verwendet und führen auch teilweise mit Glissandi (4:40ff) von einem Abschnitt zum Nächsten. Die Abschnitte mit vorrangig hohen Frequenzen zeigen eine hohe Ereignisdichte auf, die durch häufigen Manualwechsel erzielt werden. [weiter]