Bau der Orgel

An der Christuskirche Dormagen wurde die dortige Orgel durch Friedrich Kampherm aufwändig restauriert und erneuert. In der Ausgabe findet sich ein Portrait dieser Orgel.

Um eine Orgel zu bauen, braucht man einen Raum, Geld, Leidensdruck und eine Vision. In Dormagen sind diese Parameter in Dialog getreten und haben zu einem unkonventionellen Projekt geführt:

Ausgangspunkt

In der Christuskirche Dormagen gab es bei meinem Stellenantritt 2006 vor allem einen Raum (architektonisch eigenwillig-spannend, akustisch mit der Nachhallzeit eines Schuhkartons) und den Leidensdruck, der sich automatisch ergibt, wenn man eine Orgel (Peter 1965, III/31) in beengten Verhältnissen an einem falschen Standort baut: dazu hatte man sich eine Art Erker vom eigentlichen Hauptraum ausgesucht, und die Orgel auf einer Empore so plaziert, dass sie – abgewandt von der Gemeinde – zum Fenster sprach. Dass diese Empore nur über eine Außentreppe zugänglich war, der Organist keinen optischen und wenig akustischen Kontakt zur Gemeinde hatte, war dann nur die Abrundung. Als Organist (gefühlt) fernab der Gemeinde umgeben von forcierten spröden, neobarocken, körperlosen, „engen“ Klängen in einer trockenen Akustik zu sitzen, gehörte zu den Tiefpunkten meiner Orgelerfahrung.

Erste Schritte: Materialsichtung

Mit dem Stellenantritt war auch der Gemeinde klar, dass eine Orgelbaumaßnahme anstehen würde (mindestens ein Ausreinigungsbedarf war unumstritten und ist ja ein guter Ausgangspunkt). Zum Glück wurden mir kurzfristig Sondermittel eingeräumt, um in eine Art Notoperation der Orgel ein etwas freundlicheres Klanggesicht zu geben. Dafür konnte ich 6 Monate nach Stellenantritt den befreundeten Stuttgarter Orgelbaumeister Tilman Trefz gewinnen. Er erhöhte an ein paar Tagen den Winddruck des Hauptwerks leicht und intonierte den Prinzipalchor des Hauptwerks sowie drei weitere Register um. Auch mit der Zusammenstellung der Mixtur (ab dann mit Terz und damit sogar als Solostimme brauchbar) experimentierten wir. Diese Notmaßnahme entpuppte sich als Impuls, den Raum und die Orgel nicht komplett aufzugeben: der erhöhte Windverbrauch ergab – unbeabsichtigt aber gerne angenommen – einen lebendigeren Wind, der im Raum charmant wirkte, und allen voran der Prinzipal 8′ war nach der Intonation raumfüllend, ohne zu forcieren.

Gleichzeitig war auch klar geworden, wo Stärken (das sehr gut gearbeitete Pfeifenmaterial, vor allem die Zungen) und Schwächen (häufig zu enge Mensurverläufe im Diskant; das geschlossene Gehäuse, die Enge der Aufsstellung) der Orgel lagen.

In der folgenden Zeit wurde zunächst die Überarbeitung der Orgel am jetzigen Standort (mit wenigen aber wesentlichen Umdisponierungen) geplant. Ein schlüssiges Konzept erreichte aber schnell einen 6stelligen Finanzbedarf, und da war klar: bei einer solchen Größenordnung wollte die Gemeinde auch grundlegende Probleme in Griff bekommen. Es durfte und sollte also „weitergesponnen“ werden.

Impulse aus dem Musikbetrieb

Parallel zu den Orgelüberlegungen entwickelte ich eine monatliche Konzertreihe, die „reihe8“ (an jedem 8. eines Monats). Darin sollte der ganze Reichtum von Musik hörbar werden dürfen, und so gab es fast alles: Schubert-Liederabende, Orgelkonzerte, die Lesung des gesamten Markus-Evangeliums mit Vokal- und Tanzimprovisation, Cembaloabende, Lesung und Musik, Pantomime (ohne Musik, aber zu einem Schwerpunktthema), Stummfilm mit Improvisation, Kammermusik, Vokalpassion mit abstrakten Bildprojektionen, Komponistenportraits, Chor-/Orchesterkonzerte, Konzerte in einer komplett leergeräumten Kirche, Jazz.

Da es an der Kirche bislang keine Konzerttradition gab, waren die Zuhörerzahlen anfangs sehr überschaubar und blieben es (vielleicht auch wegen der monatlich wechselnden Vielfalt) zunächst. Letztlich fand sich aber nach 2-3 Jahren ein stetig wachsender Zuhörerstamm, der genau dieses Konzept spannend fand: Konzerte an wechselnden Wochentagen (weil Musik zum Alltag gehören sollte) und Programme durch alle Epochen und Bekanntheitsgrade – mindestens mit dem Trost, dass „das nächste Mal“ wieder ein Programm nach eigenem Geschmack kommen würde, und oft genug dann mit der Überraschung, dass unerwartete neue Hörerfahrungen genauso bereichern konnten.

Es wurde für mich klar, dass die „neue“ Orgel auf diese Lebendigkeit der Konzertszene reagieren sollte: dass zu der Kirche ein charakterstarkes, aber flexibles Instrument gehören sollte. Die Erfahrung, dass der Raum gerade durch seine trockenere Akustik und seine spezielle Architektur viele Ideen auslöste und ermöglichte, lenkte auch die Orgelplanung in eine neue Richtung: einen Neubau unter Verwendung alten Materials, ein klangliches Konzept, das sich nicht an einem Verbessern der bisherigen Disposition, sondern an dem Bedürfnis der Raumakustik orientiert.

Die grundlegende Idee war dabei eine Orgel mit zwei „klassisch“ besetzten Manualen auf neuen Windladen, die klanglich und für die Artikulation Alter Musik geeignet sein sollten. Diese sollten auf die Brüstung der Empore gesetzt werden, der Spieltisch darunter. Hinzu sollten ein Schwellwerk und ein Pedal kommen, beide auf unverwüstlichen alten Laden, allerdings im Hintergrund der Empore aufgestellt und deshalb auch mit elektrischer Traktur angesteuert. Das ist für Puristen eine Herausforderung, allerdings braucht man für eine Streicherschwebung selten eine knackige Traktur, und beim Pedal ist (gerade bei indirekterer Klanggebung) ein Druckpunkt oft mehr eine angenehme Rückversicherung für den Spieler als ein echtes Gestaltungsmittel.

Eine erste Kalkulation ergab, dass das Projekt in den Bereich von 300.000 € kommen würde, allerdings durch seine wesentlichen Verbesserungen auch gut zu „verkaufen“ wäre. Die Gemeinde sagte zu, die Summe von 100.000 € (die eine Ausreinigung mit ein paar Verbesserungen am alten Platz gekostet hätte, s. o.) zu geben.

Das war der Zeitpunkt, an dem ich den Architekten Aaron Werbick ins Boot holte, der schon einige Orgeln gestaltet hatte und mich immer mit unkonventionellen Design-Lösungen überrascht hatte. Er machte einen Vorentwurf und arbeitete ihn nach Annahme durch die Gemeinde zum Entwurf um.

Da Aaron Werbick einigen Einblick in den Orgelbau hat, sind seine Gestaltungen nicht nur Fassade, sondern eine Auseinandersetzung mit dem Instrument. So fand ich seinen Ansatz schlüssig, die Traktur nicht zu verbergen, sondern offenzulegen. (Nebenbei ersparte dies uns, den Emporenboden aufzufräsen, eine teure und bautechnisch aufwendige Sache.)

Die Kombination aus einem neuen Standort mit völlig neuen Perspektiven (ein Organist mit Blick in die Kirche würde Kombinationen von Orgel mit Orchester oder Tanz etc. ermöglichen), klanglicher und technischer Kompromisslosigkeit und eine radikale Ansicht beflügelte das Projekt, auch die eingehenden Spenden. Selbst Skeptiker äußerten Meinungen wie „Sieht ungewöhnlich aus, aber wenn es einen Ort gibt, wo diese Orgel hinpasst, dann in unsere Christuskirche!“

Ich hatte Tilman Trefz (s.o.) über lange Jahre als Orgelbauer mit Klangsinn und Flexibilität kennengelernt und war vor allem überzeugt, dass Raum und musikalische Bedürfnisse am ehesten mit einer Klangsprache in Griff zu kriegen wären, wie sie im Übergang zwischen Barock und Romantik in Süddeutschland zu finden ist – genau diese Klangsprache hat Tilman Trefz systematisch erforscht. Daher war dann auch Wunsch der Ausschreibung, dass die Firma sich nicht nur auf die Gestaltung durch Aaron Werbick sondern möglichst auch auf eine Zusammenarbeit mit Tilman Trefz als externem Intonateur einlassen sollte. Gewählt wurde schließlich dafür die Firma Kampherm.

Zeitsprung: Das Ergebnis

Die Orgel ist gut geworden – sie füllt den Raum klanglich aus, wie man sich das in diesem Raum nicht hätte vorstellen können, und zeigt eine enorme klangliche Vielfalt und Wandlungsfähigkeit. Die Intonation ist an klassische süddeutsche Erfahrungen angelehnt: weil jedes Register ein gutes Maß Individualität hat, verschmelzen die Pfeifen nicht nur, sondern ergänzen sich in Kombination zu wirklich neuen Klängen. So entwickelt die Kombination aus Gambe und Rohrflöte im Hauptwerk einen eigenartigen Schmelz und macht hörbar, warum man in der Romantik Labialklarinetten baute… Auf diese Weise kann man einen Reichtum an barocken Plenum-Registrierungen finden, unglaublich viele differenzierte Piano-Farben im mitteldeutschen/süddeutschen Sinne und eine symphonisch orientierte Staffelung. Anders als bei vielen Orgelneubauten ist der Klang nie drückend. Auch die Plena kann man ermüdungsfrei dauerhaft genießen; das Tutti ist mächtig, aber gewaltfrei.

Ein Schwellwerk mit sensationellem dynamischen Umfang macht die Orgel nicht nur „beweglich“, sondern führt zu einer ungeahnten Ruhe – gerade in einem trockenen Raum ein beglückendes Erlebnis.

Ein Windsystem, das zwar auch für Clusterspiel ausreichend, aber nicht auf Gradlinigkeit gebaut ist, trägt zur Belebung bei. Ein „großer“ Akkord ist zwar satt, aber vermittelt auch eine existentielle Größe. (Nach dem Spielen und Hören der Dormagener Orgel fragt man sich wieder einmal, warum das Mittel eines lebendigen Winds bisher so oft stiefmütterlich behandelt und mit Windmangel verwechselt wird.) Die unterschiedlichen Trakturarten fallen wenig auf – gewöhnungsbedürftig ist eher die Tiefenstaffelung der Orgel und die verzögerte Wahrnehmung durch den Spieler.

Natürlich gibt es auch einige Punkte, die weniger gelungen sind, und die ich vor allem darauf zurückführe, dass es während der Bauphase eine Vakanzsituation gab – vielleicht hilft die Offenlegung, dass man dies nicht anderenorts wiederholen muss:

* Der Spieltisch sollte ursprünglich so schlank wie möglich sein (quasi nur von rechter zu linker Klavieraturbacke), mit einem separaten Registertableau. Ideen dazu sollte der Architekt mit dem Orgelbauer entwickeln – um den Aufwand pragmatisch zu halten, wurde kein eigener Gestaltungsauftrag entwickelt. Leider wurde der Architekt nicht einbezogen und ein Standardspieltisch eingekauft, der deutlich klobig wirkt.

* Schwellwerk und Pedal sollten in Gehäusen untergebracht werden, die zwar im Hintergrund, aber deutlich kubisch gestaltet werden sollten. Aaron Werbick hatte dazu Ideen skizziert, die mit der Ausarbeitung der Pläne Gestalt annehmen sollten. Jetzt sind die Werke in Flucht mit dem Hauptgehäuse, und gerade dies macht die Raumwirkung (von der Seite betrachtet) eher plump.

* Auch ein paar klangliche Aspekte hatte ich ursprünglich geplant: die Transmittierung nicht nur des Gedackt 16′, sondern auch des 8′ aus dem Schwellwerk als Echo-Register ins Pedal (im rein elektronischen Kontext vermutlich wenig aufwendig); eine 32′-Schaltung für das Pedal durch Ausnutzung der auf Einzelventilansteuerung stehenden Gedackt 16′ als 10 2/3′; ein Terzbass 6 2/5′, den ich einem Gedacktbass 8′ im Pedal vorgezogen hätte. Diese drei Maßnahmen hätten der Orgel noch ein paar spannende Akzente gegeben.

Alles Reden über Orgel hat seine Begrenzung: das Zusammenspiel der vielen Faktoren (Gestaltung, Raumeindruck, Klang, Trakturgefühl) kann man eigentlich nur vor Ort und persönlich erleben. Vielleicht ist damit die Dormagener Orgel auch Anstoß, über Orgel differenziert und ideologiefrei ins Gespräch zu kommen: Nicht das Erfüllen von Vorerwartungen und Normen ergibt ein gutes Instrument, sondern das, was Ohr und Herz berührt und die Orgel als Dialogpartner erleben lässt.

Christian Stähr